Erfahrungsberichte: Costa Rica

Sandra M. Lecybil:

Nun ist es schon über ein Jahr her, dass ich dort zitternd und mit den Nerven am Ende am Frankfurter Flughafen stand und mich von meinen Liebsten verabschieden musste. Unglaublich, wie schnell die Zeit vorbei gegangen ist! Ich weiß noch so genau, wie ich mich gefühlt habe. Hin und her gerissen! Ich war so gespannt darauf, was mich erwarten würde! Ich hatte doch noch gar keine Ahnung von der Familie, bei der ich ein Jahr wohnen sollte. Nicht mal ein Foto hatte ich von ihnen und aus dem einem Telefonat, welches ich vorher mit ihnen geführt habe, bin ich durch mein bis dahin noch recht schlechtes Spanisch ja auch nicht wirklich wesentlich schlauer geworden. Ich würde ein Jahr lang, weit entfernt von allem leben, das mir bis dahin vertraut und wichtig gewesen ist. Ich würde das alles hinter mir lassen und allein in mir bis dahin noch unbekanntes Land gehen. Ich hatte Zweifel, ob ich das alles so hinbekommen würde.

Jetzt sitze ich hier auf meinem Bett in Deutschland und schreibe diesen Bericht. Unfassbar, dass alles schon vorbei ist! Kaum hatte das Jahr angefangen, war es auch schon wieder vorbei! Aber trotzdem habe ich so viel erlebt! Ins Ausland zu gehen, war wirklich die allerbeste Entscheidung meines bisherigen Lebens. Ich hatte die Möglichkeit größer zu werden. Also, vom Charakter her. Ich musste selbstständig sein. Ich konnte nicht wegen jeder Kleinigkeit meine Eltern zu Rat ziehen. Ich musste mich immer auf mich selber verlassen können! Ich habe gelernt, mir selber zu vertrauen! Keine einzige Sekunde habe ich daran gezweifelt, das es die richtige Entscheidung gewesen war, von zu Hause weggegangen zu sein. Selbst wenn ich mal Heimweh hatte, hatte die Sehnsucht auch immer etwas Positives. So wurde mir nämlich bewusst, was mir wirklich wichtig war und was nicht. Denn so viel ist klar, wenn ich etwas auch nach längerer Zeit und Tausende Kilometer weit entfernt, nicht vermisste, dann konnte es mir doch eigentlich nicht wichtig sein! In Costa Rica ist mir also klar geworden, welche Sachen bedeutend für mich sind und welche mich besonders glücklich machen. Viele Sachen sind in ein anderes Licht gerückt und auch viele meiner Ansichten haben sich verändert. Ich habe Erfahrungen gemacht, die man als „gutbehütetes“ Kind in einer mittelgroßen deutschen Stadt nie machen kann, wodurch ich viel reifer und selbstständiger geworden bin. Ich habe Erfahrungen für mein Leben gesammelt, während sich meine Freunde in Deutschland mit ihren Hausaufgaben beschäftigten.

Ich kann zwar nicht sagen, dass ich die große Welt gesehen habe, ich war schließlich nur im kleinen Costa Rica, aber ich kann sagen, dass ich ein Land gesehen habe, das sich in fast allem von Deutschland unterscheidet! Und das macht schon sehr viel aus! Erst jetzt weiß ich es überhaupt erst zu schätzen, dass ich alles das haben darf, was ich eben habe! Diesen Luxus, den ich hier in Deutschland habe, habe ich vorher nie als so einen erkannt.

Insgesamt haben wir in Deutschland einen so hohen Lebensstandard, wie in fast keinem anderen Land der Welt. Aber hier gehen alle davon aus, dass es normal ist! Aber das ist es nicht. Ich habe in Costa Rica so viel Armut gesehen! Wirkliche Armut. Und damit meine ich nicht nur, dass wir nicht so ein tolles Haus hatten. Es war zwar nur in der Größe eines Ferienhauses, hatte nur ein Metalldach, keine Zimmerdecken, kein wirkliches Badezimmer und immer nur kaltes Wasser. Doch daran kann man sich gewöhnen! Zumal, das alles für die dortigen Verhältnisse normal war! Das habe ich mit der Zeit gar nicht mehr wahrgenommen. Aber eben insgesamt ist der Lebensstandard viel niedriger als in Deutschland. Man sieht immer und überall wirklich arme Menschen, die schon jahrelang auf der Straße „leben“ und die wahrscheinlich nie mehr ein richtiges Dach über den Kopf bekommen werden. Diesen Leuten wird nicht einfach so von irgendwem, erst recht nicht vom Staat, geholfen. Das ist Alltag in Costa Rica. Und so lernt man zu schätzen, was man in Deutschland hat!

Ein anderes Erlebnis, das mir zeigte, wie viel besser wir es hier haben, war, als ich mit Freunden Kaffee pflücken gegangen bin und erfahren habe, dass sie sich damit in den Ferien ihr Geld verdienen, während die Jugendlichen in Deutschland ihr Feriengeld mit wesentlich leichteren und besser bezahlten Jobs aufbessern. Jetzt weiß ich, wie es ist, vom Morgengrauen an mit der „Canasta“ (Korb) die roten Kaffeefrüchte zu pflücken, während die heiße Sonne einem auf den Kopf knallt und wie es sich anfühlt, nach einem Tag schwerer Arbeit mit gerade mal 2.000 2Collones“ (ungefähr 2,80€) in der Tasche nach Hause zu gehen.

Am Anfang meiner Zeit in Costa Rica, war ich recht besorgt, weil ich in einem 2.000-Seelen Dorf landete, das 2 Stunden zur nächsten Stadt entfernt war. Ich war zwar nie ein „Großstadtkind“, aber trotzdem habe ich mich gefragt, ob ich ein Jahr in diesem kleinen Dorf, ohne Cafés, Kinos oder Ähnlichem und scheinbar abgeschnitten von der Außenwelt, glücklich leben könnte. Alles schien so klein, ruhig und langweilig. Aber heute weiß ich, dass es das Beste war, was mir hätte passieren können! Hundertprozentig! Letztendlich war ich nämlich eine der wenigen Austauschschüler, die wirkliche Freundschaften mit den „Ticos“ (so nennen sich die Costaricaner) hatte schließen können. Das lag daran, dass ich schließlich jedem Einwohner meines Dorfes jeden Tag begegnete. Deswegen hatte ich, wie man sich vielleicht vorstellen kann, einen ziemlich durchgängig intensiven Kontakt zu den Einwohnern und hatte die Möglichkeit sehr viele Leute ziemlich gut kennenzulernen. Dadurch habe auch viel über die Kultur erfahren. Viel mehr, als Austauschschüler, die eben in größeren, moderneren Städten lebten, in denen es zu gefährlich war, alleine nach draußen zu gehen. Ich konnte rund um die Uhr nach draußen und habe dies auch wirklich genossen! Zwar habe ich nie etwas richtiges „unternommen“ , wie in die Disco oder ins Kino zu gehen, doch ich hatte immer Spaß und es wurde wirklich nie langweilig mit den Ticos! Wir haben zum Beispiel auch viel gefeiert, ohne dass wir unser Dorf verlassen mussten. Die Menschen sind nämlich einfach echte „Fiesteros“ („fiesta“ = „Feier“) und machen deshalb oft große Feiern und laden dazu die ganze Verwandtschaft ein (sprich das halbe Dorf, denn dort zählten auch Cousinen fünften Grades oder Großonkel dritten Grades zu der näheren Familie).

Am Schönsten sind auf jeden Fall die „Quinzeañeros“, große Feste, welche die Eltern von Mädchen, zu deren 15. Geburtstag machen und den Übergang der Tochter vom Mädchen zur Frau darstellen. Das Mädchen, welches Geburtstag hat, trägt immer ein tolles Festkleid, die besten Freunde, die alle ungefähr gleich angezogen sind, begleiten sie bei dem Eröffnungstanz mit dem Vater und bei den verschiedenen Bräuchen und Spielen. Außerdem wird immer fast das ganze Dorf eingeladen und natürlich wird (so typisch wie es eben für Costa Rica ist) viel gegessen und getanzt! Und hier tanzt wirklich jeder! Hier gibt es wirklich fast keinen, der sagt „Nein…ich tanz nicht gerne. Kann ich nicht…Nee…“ Den Leuten ist es auch nicht unangenehm, falls sie mal nicht so toll tanzen, das Wichtigste ist der Spaß dabei! Und alle sehen beim Tanzen einfach fantastisch aus, denn auch wenn nicht jeder Schritt so hundertprozentig sitzt, man sieht ihnen die Freude, die sie beim Tanzen haben, an! Außerdem hatten auch alle schon nach kurzer Zeit ihre Freude daran, mir die typischen Standardtänze wie Salsa, Cumbia, Merengue oder Bachata beizubringen. Und mich zur Latino-Musik zu bewegen, hat mir auch schon nach kurzer Zeit wahnsinnigen Spaß gemacht. Bis heute stellt das Tanzen einen der schönsten Aspekte meines Austauschjahres dar!

Noch eine neue Erfahrung für mich war der Nationalfeiertag! Die Leute sind in Costa Rica richtig stolz auf ihr Land! Schon zwei Wochen vor dem Nationalfeiertag wurde alles geschmückt, in der Schule wurde jeden Tag die Nationalhymne gesungen (eigentlich waren es immer vier Hymnen: Die Nationalhymne, Hymne der Unabhängigkeit, Hymne des Dorfes und die Hymne der Schule) und das ganze Land war in einer ganz besonderen Stimmung. Am 14. September gab es dann abends sogar in meinem Dorf einen „großen“ Umzug, mit Laternen, Trommeln und Gesang und am eigentlichen Nationalfeiertag, dem 15. September, gab es eine große Ansprache, typische Tänze und noch eine große Parade.

In Deutschland können viele noch nicht mal die Nationalhymne und kaum einer ist richtig patriotisch! Das finde ich eigentlich schade, weil ich hier in Costa Rica gesehen habe, das eben auch der Nationalfeiertag alle näher zusammenbringt und selbst ich, als Ausländerin, habe es genossen, dabei zu sein, als das ganze Dorf erst einige Sekunden totenstill war und dann zusammen die Nationalhymnen gesungen hat, die selbst von den Kindergartenkindern schon beherrscht wird!

Ein weiterer, für mich sehr wichtiger Aspekt meines Austauschjahres ist, dass ich so viele neue Menschen kennen gelernt habe! Ich glaube, dass ich Menschen heute besser einschätzen kann als vor dem Jahr, weil ich eben so viele und vor allem verschiedene Persönlichkeiten kennen gelernt habe. Oft wurde ich von Personen enttäuscht, andererseits aber auch sehr oft überrascht, weil ich diejenigen Personen ganz anders eingeschätzt hatte. Daraus habe ich auch gelernt. Man sollte Menschen immer wieder eine zweite Chance geben! Man kann nicht sofort über jemanden urteilen, denn es versteckt sich immer viel mehr hinter einer Person, als auf den ersten Blick zu sehen ist.

Und ich habe richtige Freunde gefunden! Auch ihnen, habe ich zu verdanken, dass mein Auslandsjahr so unglaublich schön war! Diese Freundschaften haben mich in schwierigen Momenten gestärkt und mir wieder neuen Mut und Spaß gegeben. Diese Personen haben mein Jahr in Costa Rica wirklich erfüllt! Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich wirklich so gute Freunde auf der anderen Seite der Welt finden würde. Uns trennten doch die Sprache, die Kultur, die Geschichte, unser Aussehen, ja wir waren doch wie aus verschiedenen Welten; und doch, irgendwie waren wir doch eben gleich und verstanden uns perfekt!

Ich habe Costa Rica während dem Jahr wirklich gut kennen lernen dürfen. Ich bin tief in die Kultur eingetaucht und habe erlebt, was Touristen verborgen bleibt. Zwar bin ich natürlich auch als Tourist unterwegs gewesen, habe viele Bilderbuchstrände, Vulkane, Wasserfälle, den tiefen Dschungel, viele exotische – mehr oder weniger schöne- Tiere gesehen. Dies ist die Seite, die Costa Rica zu einem, der für Touristen interessantesten Ziele der Welt macht, doch hinter dieser zwar auch schon tollen Facette des Landes, gibt es noch mehr zu entdecken. Das Land wurde in seiner Geschichte von verschiedensten Völkern beeinflusst und somit ist es eben auch so reichhaltig in seiner heutigen Kultur. Man findet Elemente aus der spanischen, der indigenen, der chinesischen oder auch aus der karibischen Kultur. Es ist also nicht schwer vorstellbar, dass das Land einem viel zu bieten hat! Die je nach Region des Landes so unterschiedlichen Menschen, das Essen, die Sitten – all das habe ich hautnah miterleben dürfen!

Insgesamt kann ich also nur noch einmal bekräftigen, dass mein Auslandsjahr in jeglicher Hinsicht sehr positiv und bereichernd für mich war. Ich habe so unglaublich viel gesehen, erlebt, habe viele neue Freunde und eine zweite Familie gefunden und bin einfach besonders bezüglich meiner Persönlichkeit gewachsen. Ich weiß nun, dass man sich das Leben überall auf der Welt schön machen kann – egal, ob es ein kleines, ein großes, ein warmes oder ein kaltes oder ein reiches oder sehr armes Land ist – wenn man nur dazu bereit ist, offen zu sein für alles, was kommt und im besten Fall auch noch richtig tolle Menschen um sich hat! So war das Jahr also nicht nur ein Jahr im Ausland, sondern vielmehr ein kultureller Austausch, der mich für mein ganzes Leben geprägt und gestärkt hat!