Erfahrungsberichte: Frankreich

Marie Baron:

Anfang 2011 habe ich mich mit einem Bericht über meine Person bei dem Brigitte-Sauzay-Programm angemeldet und auch sehr interessiert nach Anzeigen französischer Mädchen geschaut. Im Juni war es so weit, Claire (meine französische Austauschschülerin) kam für acht Wochen und machte damit den Anfang für unseren Austausch.

Eine aufregende Zeit begann: Für diese Zeit war sie unser 5. Familienmitglied. Sie hat sehr gut deutsch gesprochen, war aber darauf angewiesen, dass wir etwas langsamer und deutlicher mit ihr sprachen. Viele Unternehmungen, z. B. ein Klassenausflug nach Köln, ein Besuch in Hamburg mit der Familie, die Adlerwarte in Berlebeck, das Hermannsdenkmal, das Freilichtmuseum, viele unzählige Fahrradausflüge und viele Treffen und Partys mit Freunden und deren Austauschschülern sind nur ein paar Beispiele für diese schöne Zeit. Auch andere Familienmitglieder gaben sich Mühe, ihr das typisch deutsche Leben näher zu bringen, z. B. durch traditionelle deutsche Küche meiner Großeltern und Grillabende, Kaffeeklatsch und so weiter.

Claire war ein Jahr älter als ich und musste somit die nächsthöhere Jahrgangsstufe auf meiner Schule besuchen. Mit einem anderen, ihr bekannten Austauschschüler besuchte sie die neunte Klasse. Bei sprachlichen Schwierigkeiten halfen ihr ihre Mitschüler und nachmittags natürlich auch ich, soweit ich es konnte. Sie ging gern zur Schule, wie sie mir berichtete.

Nach einer sechswöchigen Pause (Sommerferien) startete für mich der Austausch nach Frankreich. Mit einem riesigen Koffer begann meine Reise am Bielefelder Bahnhof. Das Umsteigen in Köln war ein großes Abenteuer, aber glücklicherweise gab es einige helfende Hände. Schon nach ca. fünf Stunden rollte der Zug in Paris ein, wo ich dann von meiner Gastfamilie abgeholt wurde. Die Reise ging dann noch eine Stunde weiter nach Vaux-le-Penil.

Eine spannende Zeit stand mir bevor: Plötzlich hatte ich ein ganz anderes Leben. Eine fremde Familie, eine fremde Sprache, eine fremde Umgebung, eine fremde Schule und fremde Freunde. Ich besuchte die 1L (bei uns ist das die 11. Klasse) mit Schwerpunkt Literatur (man konnte verschiedene Schwerpunkte wählen, z. B. Naturwissenschaften, breitgefächerte, allgemeine Fächer und den Literaturzweig). Der Unterricht begann nach ca. 30 Minuten Fußmarsch (ich weiß nicht, warum die Franzosen so wenig Fahrrad fahren) um 8.15 Uhr. Drei Tage die Woche hatte ich bis 17 Uhr Schule, einen Tag bis 16 Uhr und am Mittwoch hatte ich nur Unterricht bis 12 Uhr. Der Schultag war sehr lang, aber ich besuchte den Unterricht total gerne. Die Lehrer sind sehr freundlich auf mich zugegangen und auch sprachliche Schwierigkeiten waren schnell gelöst. Der Unterricht verlief sehr diszipliniert, die Schüler arbeiteten stets sehr konzentriert. Es war eine andere Erfahrung, die mir aber sehr gut gefallen hat. Die Mitschüler sind sehr freundlich auf mich zugegangen und auch ich habe mir immer Mühe gegeben viel zu sprechen und mich auch im Unterricht zu beteiligen. Nach kürzester Zeit fiel mir das Sprechen auf Französisch sehr leicht und machte richtig viel Spaß. Kleine Erfolge im Unterricht, denn Tests, Hausaufgaben, Arbeiten musste ich selbstverständlich auch erledigen, gaben mir viel Mut mich jeden Tag ein wenig mehr in den Unterricht einzubringen.

Das Leben in der Familie war nicht immer ganz einfach, da es sehr anders war. Nach den langen Schultagen war nicht mehr viel Zeit für Freizeitgestaltung. Jedes Familienmitglied machte seine Aufgaben. Das gemeinsame Essen fand sehr spät statt, was einfach nur gewöhnungsbedürftig war. Auch ist es selbstverständlich, dass jede Familie anders kocht und jeder einen anderen Geschmack hat…

Wir haben tolle Unternehmungen gemacht: Zwei Besuche in Paris waren sehr schön. Ich habe viele interessante Sachen gesehen: den Eiffelturm, den Arc de Triomphe, Sacré Coeur, Montmartre, das Hôtel de Ville, das Centre Pompidou, den Louvre (von außen), die Champs Elysées, La Fontaine Saint-Michel, Place de la Concorde, die Métro, Notre Dame und die Seine bei Nacht.

Auch haben wir in den Herbstferien eine kurze Urlaubsreise in den Süden von Frankreich unternommen. Leider hatten wir sehr schlechtes Wetter und man konnte den tollen Strand nicht so sehr genießen. Die Ausflüge nach Spanien, Barcelona, fand ich sehr eindrucksvoll. Viele neue Eindrücke kamen auf mich zu. Nach acht Wochen Austauschzeit hatte ich wirklich einiges erlebt.

Wieder in Deutschland, glücklich bei meiner Familie und meinen Freunden, brauchte ich erst ein bisschen Zeit mich wieder in mein altes Leben einzufinden. Die verpasste Unterrichtszeit in Deutschland ging nicht spurlos an mir vorbei. Obwohl ich in Frankreich für einige Fächer gelernt hatte (besonders für die Sprachen), hatte ich doch einige Defizite, besonders in Mathe. Die Bemühungen alles in kürzester Zeit nachzuholen waren sehr anstrengend. Ich arbeite immer noch daran, den fehlenden Stoff nachzuholen, aber habe gemerkt, dass es nach und nach klappt.

Ich finde, dass der Austausch diesen Schulstress wert war. Ich habe so viele neue Sachen gelernt, Dinge erlebt, die Sprache verbessert, diese Erlebnisse bleiben für immer in meinen Erinnerungen und ich möchte diese nicht missen. Mit etwas Disziplin bin ich sicher, das Fehlende nachholen zu können.

Eva Hahn:

Im vergangenen Schulhalbjahr besuchte ich ein Lycée in Frankreich, nachdem ich zuvor für sechs Monate einen französischen Gastschüler bei mir aufgenommen hatte. Natürlich wusste ich schon vorher, dass der Alltag in Frankreich anders verläuft als in Deutschland, aber letztlich gibt es doch mehr Unterschiede zwischen den beiden Kulturen, als ich erwartet hatte.

Ein normaler Schultag begann für mich um 6 Uhr morgens. Aufstehen, duschen, anziehen, frühstücken und pünktlich um 10 vor 7 aus dem Haus. Das Deprimierendste daran war vor allem die Gewissheit, dass es (zumindest an den meisten Tagen) noch 12 Stunden dauern würde, bis ich wieder nach Hause zurückkehrte.

Ein Lycée stellt die französische Oberstufe dar, wobei man seinen Abschluss („le bac“) schon nach 12 Jahren bekommt. Für die letzten zwei Jahre legt man seinen schulischen Schwerpunkt fest. Dabei wird unterschieden zwischen dem literarischen Zweig („littéraire“: L), dem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Zweig („économique et sociale“: ES) und dem naturwissenschaftlichen Zweig („scientifique“: S). Wie mein Gastbruder war ich in der Klasse 1ère S , sodass mein Stundenplan größtenteils aus Mathe, Chemie-Physik und Biologie-Erdkunde bestand.

Der Unterricht in Frankreich verläuft ganz anders als in Deutschland: während die Lehrer hier viel Wert auf mündliche Mitarbeit und ein offenes Unterrichtgespräch legen, übernimmt der französische Lehrer vielmehr die Rolle eines Redners, der seinen Vortrag strukturiert und ohne auf das Publikum einzugehen vorträgt.

Allgemein hatte ich den Eindruck, dass die Individualität der Schüler überhaupt nicht unterstützt wurde, da auf deren Meinung bzw. Sichtweise nicht eingegangen wird. Und obwohl die Schüler zwischen drei schulischen Schwerpunkten wählen können, haben diese in der Gesellschaft ganz unterschiedliche Stellenwerte: ein „bac S“ (naturwissenschaftliches Abitur) wird von der Allgemeinheit am meisten geachtet, wohingegen ein „bac L“ (literarisches Abitur) eher als Abitur 2. Klasse angesehen wird. Daher hatten sich fast alle meiner Mitschüler nur wegen besserer Zukunftschancen für ein „bac S“ entschieden.

Nach vier Schulstunden, die jeweils 55 Minuten lang sind, hatten wir eine einstündige Mittagspause. Und danach? Noch einmal bis zu 4 Schulstunden. Obwohl man immer den Eindruck hat, dass französische Schüler viel mehr Unterricht hätten, habe ich festgestellt, dass die reine Unterrichtszeit pro Woche ungefähr genauso lang war wie meine in Deutschland. Aber da ich in Frankreich viele planmäßige Freistunden hatte und alle Schulbusse erst um 18 Uhr kamen, verbrachte ich viel Zeit auf dem Schulgelände. Der einzige freie Nachmittag in der Schulwoche ist der Mittwoch, an dem der Unterricht bis maximal 12 Uhr dauert. Allgemein ist der Schulalltag sehr anstrengend und ermüdend, vor allem da man nur passiv am Unterricht teilnimmt.

Trotz allem kann ich sagen, dass meine Zeit in Frankreich sehr schön war. Meine Gastfamilie hat mich gut aufgenommen, ebenso wie meine Mitschüler. Ich konnte meine Französisch-Sprachkenntnisse um ein Vielfaches verbessern und überlege momentan, einen Leistungskurs in Französisch zu belegen.

Natürlich war es nicht immer leicht, sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Als ich ins Ausland ging, lagen erst anderthalb Jahre Französischunterricht hinter mir, sodass ich anfangs noch sehr unsicher beim Sprechen war. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich meinen Platz in Frankreich gefunden. Ich habe ein vollkommen anderes Schulsystem kennengelernt und somit auch Menschen, die eine andere Weltanschauung und Meinung zu vielen Dingen haben, als ich sie bisher kannte. Durch den Austausch habe ich jedoch nicht nur etwas über Frankreich gelernt, sondern auch vieles mehr. Es war eine wunderbare Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Und auch wenn Frankreich wohl nicht zu dem Land geworden ist, in dem ich später leben möchte, war es doch sehr interessant, diese eigentlich so bekannte und doch so fremde Kultur näher kennenzulernen. Mein Wunsch, nach dem Schulabschluss im Ausland zu leben und vielleicht sogar dort zu studieren, hat sich in jedem Fall nicht geändert.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei meiner Gastfamilie, der Austauschorganisation Voltaire und allen Lehrern bedanken, die mir geholfen haben, diesen Austausch zu machen.

In diesem Sinne: Vive la France!