Erfahrungsberichte: USA

Charlotte Lampert:

Mit ASSIST, einer Organisation, die einjährige Stipendien für private Highschools in den USA vermittelt, verbrachte ich das Schuljahr 2011/2012 in Utah. Trotz G8 hatte ich mich für ein ganzes Jahr im Ausland entschieden, ohne das verpasste Jahr danach in Deutschland zu wiederholen. Bei meiner Schule handelte es sich um ein Internat mit etwa 300 Schülern aus der ganzen Welt und einigen Tagesschülern. Natürlich hatte ich am meisten mit Amerikanern zu tun, doch auch viel mit Schülern aus anderen Ländern. Ein kultureller Austausch in diesem Maße war etwas komplett Neues für mich und ermöglichte mir, zusätzlich zur amerikanischen Sprache und Kultur, einen Einblick in die Lebensgewohnheiten von gleichaltrigen Jugendlichen aus Asien, Europa und Südamerika zu bekommen. Diese vielen unterschiedlichen Menschen haben mich sehr beeindruckt und geprägt. Dinge, die ich vorher für wichtig gehalten habe, sehe ich jetzt ganz anders und ich betrachte viele Dinge aus einer ganz anderen Perspektive.

Manche Tagesschüler, die sich die Schule so nicht leisten konnten, haben ein Vollstipendium von der Schule bekommen und im Gegenzug abends dort geputzt oder gearbeitet. Aber sie mussten sich nicht dafür schämen, denn keiner ihrer Freunde, die teilweise Kinder von Milliardären waren, würde nur auf die Idee kommen sich darüber lustig zu machen, sondern würde ihnen stattdessen bei der Arbeit helfen. Das Engagement und die Dankbarkeit, die viele Schüler dort der Schule entgegenbrachten, haben mich sehr beeindruckt.

Generell war Respekt untereinander sehr wichtig, ob zwischen Schülern oder zwischen Schülern und Lehrern. Die Lehrer waren immer Autoritätspersonen, aber trotzdem würden sie jederzeit spontan nachmittags z.B. mit den Schülern Football spielen. Dieses enge Gemeinschaftsgefühl wird natürlich besonders durch das gemeinsame Leben auf dem Internatscampus möglich gemacht.

Das Internatsleben zeigte mir eine völlig neue Lebensperspektive, die sich von meinem deutschen Alltag komplett unterschied: Mit etwa 30 anderen Mädchen lebte ich in einem Haus, musste mein Zimmer teilen, meine Wäsche selber waschen, das Zimmer täglich aufräumen und andere Aufgaben übernehmen. Aber schon nach kurzer Zeit war alles zur Routine geworden und man merkte, wie man zunehmend selbstständiger wurde. Das Tolle am Internatsleben war, dass man 24 Stunden am Tag mit seinen Freunden zusammen war und dementsprechend enge Freundschaften schloss. Bei manchen dieser Freundschaften habe ich das Gefühl, dass sie ein Leben lang halten können, und ich hoffe natürlich sehr, dass es so sein wird.

Auch in Sachen Schule war dort alles anders: Man hat sieben Kurse, deren Niveau man selber bestimmen kann, so kann zum Beispiel ein Neuntklässler schon seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend durchaus Kurse der zwölften Jahrgangsstufe belegen. Die Kurse waren unterschiedlich groß, die Kursstärke betrug meist etwa 12 Schüler. Man hatte die Möglichkeit fast jedes Fach auf einem sehr hohen Level zu wählen und die gute Ausstattung in allen Bereichen ermöglichte uns Schülern unseren akademischen, athletischen, künstlerischen und musikalischen Interessen nachzugehen. Ich persönlich glaube besonders über die US-amerikanische Geschichte und über englische und amerikanische Literatur viel gelernt zu haben, aber ich hatte auch die Chance viele neue Sachen wie Sportarten etc. auszuprobieren.

Wenn ich könnte, würde ich das ganze Jahr am liebsten noch einmal erleben, denn es ging so wahnsinnig schnell herum. Die Entscheidung ob für oder gegen ein Auslandsjahr kann euch zwar niemand abnehmen, aber wenn sich euch die Chance bietet, kann ich euch nur raten sie zu nutzen, ihr werdet es nicht bereuen!

Alina Schöne:

Schon als kleines Kind wollte ich die „große weite Welt“ erkunden . Daher entschloss ich mich, für ein Jahr durch die USA zu reisen, um deren Kultur und Lebensweise besser kennen zu lernen.

„Hey honey, how are you?“ Dies waren die ersten Worte meiner amerikanischen Gastmutter Leslie im Juli 2007. Sie begrüßte mich äußerst herzlich, als ich nervös aus dem Auto stieg und zum ersten Mal die Personen sah, mit denen ich das bis dato wohl aufregendste Jahr meines Lebens erleben würde. Erstaunt über ihre Offenherzigkeit und mit einem leichten „Grummeln“ im Bauch habe ich sie dann in den Arm genommen. Es war ein tolles Gefühl.

Nachdem ich meinen Gastvater Brud und meine zwei Gastbrüder Jack (5) sowie Swain (3) begrüßt habe, sind wir sofort zum Strand aufgebrochen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn ich spürte, dass die Familie „zufrieden“ mit mir war. Dieser Eindruck manifestierte sich immer noch mehr, wenn ich in die strahlenden Gesichter meiner kleinen Brüder blickte. Ich hoffte, dass mein Austauschjahr genauso erfolgreich weitergehen würde, wie es begonnen hatte.

So kam es dann auch. In den ersten Wochen genoss ich die Schulferien und hatte somit die Gelegenheit, meine Familie besser kennen zu lernen. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass meine Gastfamilie das Beste war, was mir hätte passieren können; sie unterstützte mich, wo sie nur konnte und stand mir liebevoll zur Seite, wenn ich meine kleinen Alltagsprobleme, die wohl ganz normal im Leben als Austauschülerin sind, zu bewältigen galt. Alle vier Familienmitglieder schloss ich schnell in mein Herz und ich denke, dass es ihnen mit mir genauso ging.

Eine besondere Beziehung zu meiner Gastfamilie bestand schon einmal. Damit hatte ich die erste Hürde meines Abenteuers gemeistert und konnte mich nun einer neuen Herausforderung stellen: der Schule. Meine Ferien gingen langsam zu Ende und der erste Schultag nahte unaufhaltsam. Trotz einer gewissen Vorfreude auf die neuen Erfahrungen hatte ich ein mulmiges Gefühl, denn ich musste nun versuchen, den ungewohnten Schulalltag mit all seinen Tücken alleine zu bewältigen – hier konnten mir meine Eltern schließlich nicht mehr beistehen.

Und dann war er gekommen. Ich glaube, ich habe mein eigenes Herz noch nie so laut klopfen hören wie an diesem Tag. Ich hatte teilweise schon Angst, jemand anderes könnte es bemerken. Ich nahm all meinen Mut zusammen und suchte mir im so genannten „homeroom“ – einer Art Mensa – einen Sitzplatz, auf dem ich auf das Folgende warte. Ich wusste nicht, was ich zu erwarten hatte, weil ich nur wenig über das amerikanische Schulsystem wusste. Endlich kam die Lehrerin, die mich vor der gesamten Klasse begrüßte und willkommen hieß. So schlimm war es gar nicht, doch die Aufregung war schnell zurück, als ich plötzlich die interessierten Blicke meiner Mitschüler bemerkte. Es klingelte zur nächsten Unterrichtsstunde. Ich vermute, dass ich zu diesem Zeitpunkt einer Tomate ähnelte, da ich mit hoch rotem Kopf den Klassenraum verließ. Doch nach einem Adrenalinstoß nach dem anderen wurde ich nach und nach etwas ruhiger. Die Menschen waren alle sehr freundlich und hilfsbereit, denn ich war mit dem unbekannten Aufbau der Schule natürlich total überfordert.

Sie halfen mir alle mit einer selbstverständlichen Art, die dazu beitrug, dass ich mich wohler fühlte. Sie begannen auch, viele Fragen zu stellen, die ich partiell nur mit einem schüchternen Nicken beantworteten konnte, weil ich am Anfang einige Probleme hatte, den „Slang“ ,die Umgangssprache, zu verstehen. Dies wurde mit der Zeit jedoch immer besser und somit löste sich auch dieses anfängliche Problem in Luft auf.

Am Abend meines ersten Schultages konnte ich wegen der vielen Impressionen, die ich den Tag über gesammelt hatte, kaum einschlafen. Dieser erste Schultag, der im Nachhinein trotz meiner vielen Befürchtungen sehr positiv verlaufen war, machte Lust auf mehr. Ich konnte die folgenden Abenteuer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kaum erwarten. Die Schultage verliefen immer reibungsloser und schon nach kurzer Zeit kannte mich die komplette Schule, obwohl dies nicht meine Absicht gewesen war. Jeder begrüßte mich auf dem Gang mit einem „Hey Germany“ oder „Hey you german girl!“. Im ersten Moment ist es sicher komisch, wenn du von Schülern begrüßt wirst, mit denen du noch nie zuvor ein Wort gewechselt hast. Aber wie sagt man so schön: „Man gewöhnt sich an alles.“ So war’s bei mir dann auch. Auch wenn dieses Verhalten der Amerikaner hierzulande häufig als oberflächlich beschrieben wird, muss ich dem entgegnen, dass die Freundlichkeit und Offenheit anderen Menschen gegenüber zu einer netten und lockeren Atmosphäre beiträgt. Es ist einfach nur eine andere Lebensweise. Sie unterscheidet sich zwar grundlegend von der deutschen, doch ich habe sie schnell als sehr angenehm empfunden.

Die Schule bietet viele Möglichkeiten sportlicher und akademischer Art, auch am Nachmittag, und sie versucht, jeden zu fördern. Man bekommt viel Rückhalt von der Schule, beispielsweise hat jeder Schüler den so genannten ‚Counselor‘, mit dem man seine berufliche Laufbahn sowie Probleme besprechen kann. Außerdem gibt es eine hauseigene Krankenschwester sowie einen Polizisten, die immer anwesend sind.

Immerzu hatte man das Gefühl, als würde die Schule sich um jeden einzelnen Schüler individuell kümmern. Ich muss zugeben, dass das Niveau des Unterrichts nicht mit dem deutschen vergleichbar ist, da es sehr viel einfacher war die Anforderungen zu bewältigen. Der soziale Zusammenhalt, den die Schule bietet, gibt dem Schüler Sicherheit und ist gewiss für Schüler/Schülerinnen, die familiäre Probleme etc. haben, von enormer Bedeutung.

Mit der Zeit fand ich auch einige ehrliche Freunde. Ich muss jedoch zugeben, dass es schwierig ist, diese oberflächliche Art der Menschen zu durchdringen, weil man das aus Deutschland in dieser Form nicht kennt. Ich brauchte häufig ein wenig länger, um zu merken, dass ich mit einigen Freunden trotz anfänglicher Gemeinsamkeiten keine fundierte Freundschaft aufbauen konnte. Gesetzt den Fall jedoch, man hat den richtigen Freundeskreis gefunden, kann man eine Menge Freude in diesem großartigen Land haben. Nach zwei Monaten gehörte ich dann auch einfach dazu. Zwar war ich in deren Augen immer noch das Mädchen aus Deutschland, aber trotzdem: jetzt war ich auch eine von ihnen.

Trotz des perfekten Starts in mein „zweites Leben“ haben mir zwischenzeitlich meine Familie und Freunde sehr gefehlt. Ich vermisste die bekannten Gesichter, die typisch deutschen Gewohnheiten und hin und wieder auch die gute alte deutsche Küche. Stichwort Essen: Ich hatte das Glück, dass sich meine Gastfamilie sehr gesund ernährt und großen Wert auf Gemüse und Obst legt. Trotzdem gingen wir häufig auswärts essen. Dort standen dann zum Beispiel Pizza, Burger oder mexikanische Kost auf der Speisekarte. Nach und nach bekam ich jedoch Appetit auf ein leckeres Brötchen, Quark, Kinderriegel und noch vieles mehr. Ich hätte mir vorher nicht träumen lassen, dieses einmal zu sagen, doch auch die Lust auf ein echtes Vollkornbrot wurde immer größer. Derartige Leckereien sucht der Deutsche in einem amerikanischen Einkaufs-center jedoch vergebens. Daher suchte ich mir neue Köstlichkeiten, was mir bei der Auswahl in den großen Supermärkten aber keine sonderlichen Schwierigkeiten bereitete.

Weil ich in einem für die Amerikaner bekannten Urlaubsort direkt am atlantischen Ozean beheimatet war, konnte ich viele heiße Sommerwochen genießen, bevor ich meine Rückreise nach Deutschland antreten musste. Der Abschied ist mir sehr schwer gefallen, da ich meine vielen Gefühle zu unterdrücken versuchte. Eine schwierige Angelegenheit, denn in einem Jahr staut sich eine Menge an Erinnerungen und Empfindungen für eine Vielzahl von Personen auf. Ich war innerlich noch nicht bereit zu gehen, und trotzdem freute ich mich auch sehr auf meine Heimat. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge setzte ich mich schließlich in das Flugzeug und nutzte die Zeit, um das Jahr noch einmal revue passieren zu lassen. Es waren elf Monate, in denen ich viele neue Erfahrungen gemacht habe, viele gute, auch einige schlechte. Mit jeder Minute kam ich meiner Heimat „Deutschland“ näher, doch ich spürte, dass ein Teil meines Herzens für immer in den Vereinigten Staaten bleiben wird!