Erfahrungsberichte: Venezuela

Maggie Lubas:

Wenn ich in diesem Moment an mein Austauschjahr zurückdenke, erinnere ich mich noch genau an die aufregenden Monate vor meinem Hinflug nach Venezuela. Ich war so gespannt und nervös und konnte schon Monate davor nachts vor Aufregung kaum schlafen. Auf dem Vorbereitungscamp von AFS war ich wohl eine der Aufgeregtesten, was man sicherlich an meinen tausenden löchernden Fragen über mein Land – Venezuela – erkannte. Der Flug verging sehr schnell, da es mit ca. 30 anderen Austauschschülern, die das Selbe fühlen wie man selbst, wohl nicht so schnell langweilig wird. Das Schönste war es wohl, die vielen kleinen karibischen Inseln mit türkisfarbenem Wasser und weißem Strand von oben aus zu sehen. Ich weiß auch noch genau, wie ich den Boden küsste, als wir das erste Mal in Caracas (die Hauptstadt Venezuelas) ankamen. Als wir aus dem Flughafen traten und ich die ganzen wartenden Morenos (dunkelhäutige Menschen), mit ihren Schildern in den Händen sah, konnte ich mir gar nicht vorstellen, ein Jahr unter diesen Menschen zu leben.

Nach zwei wunderschönen Tagen in Caracas in den Bergen mit allen Austauschschülern (Ankunftscamp von AFS) ging es mit zwei kleinen Bussen, die von insgesamt 60 ungeduldigen Austauschschülern aus aller Welt gefüllt waren, nochmals zum Flughafen. Da Venezuela dreimal so groß ist wie Deutschland (und dabei nur 27 Mio. Einwohner hat), mussten viele von uns, darunter auch ich, noch einmal von Caracas aus in ihre Stadt fliegen, wo sie dann ihre Gastfamilie erwarten würde. Auf dem Weg zum Flughafen jedoch, ging einer der Busse kaputt, und durch die dadurch aufkommende Wartezeit, verpasste ausgerechnet meine Gruppe (10 Austauschschüler, die nach San Cristóbal wollten; eine Stadt an der kolumbianischen Grenze), um eine knappe halbe Stunde ihren Flug. Das hieß für uns natürlich wie so oft erstmal: Warten (warten gehört zur venezolanischen Kultur). Und zwar zwei Tage. Wir wurden von AFS in einem Hotel einquartiert, das wir jedoch wegen der hohen Kriminalität nicht verlassen durften. Im Nachhinein war der verpasste Flug eine sehr passender Zwischenfall, weil wir 10 Austauschschüler so viel mehr Zeit hatten uns einmal in Ruhe kennen zu lernen. Immerhin würden wir alle zusammen das ganze Jahr in der gleichen Stadt leben. Das verbindet.

Nach den zwei Tagen ging es dann jedoch nicht wie von vielen erhofft im Flugzeug nach San Cristóbal; nein, wir mussten im klimatisierten Reisebus über 12 Stunden lang fahren, um unser Ziel zu erreichen. Dabei sollte ich eigentlich eher sagen: „Venezolanisch“ klimatisiert! Für Europäer ist es unvorstellbar, wie kalt so eine Nacht im venezolanischen Reisebus sein kann. Aus unvorstellbaren Gründen, schraubt der Fahrer die Klimaanlage so sehr auf, dass man selbst mit zwei paar Hosen, Socken, Pullovern und einer Decke, immer noch friert! Und das bei durchaus angenehmen Außentemperaturen…

Als wir dann am Terminal (Busbahnhof) in San Cristóbal ankamen, war die Nervosität und Vorfreude riesig! Natürlich war ich die Letzte, die von ihrer Gastfamilie abgeholt wurde (mit ungefähr 40 Minuten Verspätung), was mich schon die schlimmsten Befürchtungen denken ließ, wie: Die wollen mich nicht. Ich bin denen gar nicht wichtig. Und so weiter… Diese Befürchtungen bestätigten sich jedoch überhaupt nicht. Eine strahlende, kleine, schicke und moderne Frau kam lachend auf mich zu und beide wussten wir gar nicht, was wir machen sollten, außer zu lachen. Im Laufe des Tages lernte ich auch den Rest meiner Gastfamilie kennen, wozu meine drei älteren Brüder und meine Oma gehörten.

Anfangs war ich begeistert, von allem und von jedem. Obwohl ich nicht viel verstand, merkte ich sofort, wie viel netter und lockerer die Menschen in Venezuela doch waren. Die ersten drei Monate waren nicht nur die aufregendsten, sondern auch die schwersten, muss ich dazu sagen. Alles was ich während dieser Zeit tat, war besonders für mich. Es gab so viele erste Male, und bei jedem Einzigen war ich unbeschreiblich aufgeregt. Das erste Mal alleine auf der Straße zu laufen, das erste Mal auf eine Party zu gehen (ohne vorher jemanden zu kennen), das erste Mal alleine Taxi zu fahren, und so weiter. Diese Zeit war sehr anstrengend, es gab so viele verschiedene Eindrücke, so viele neue Dinge zu sehen.

Meine Stadt San Cristóbal, liegt in den Anden, ca. 2 Stunden von der kolumbianischen Grenze entfernt. Ich weiß schon, viele, die das gerade lesen, werden denken: Was? Ist das nicht total gefährlich dort? Kolumbien? Drogen? Die FARC?

San Cristóbal ist für Austauschschüler eine der sichersten Städte Venezuelas. Dort konnte ich alleine auf die Straße gehen, Bus fahren, in manchen Gegenden sogar noch nachts zu Fuß laufen. Im Gespräch mit anderen Austauschschülern, aus anderen Städten, fand ich heraus, dass diese nicht einmal tagsüber kurze Strecken alleine laufen durften.

Das Klima in San Cristóbal ist meiner Meinung nach das beste Klima aller Städte Venezuelas. Es ist warm, aber nicht zu heiß, da wegen der Berge immer ein recht frisches Lüftchen weht. Die Berge sind wunderschön. Vor dem Austauschjahr fand ich Berge nie so beeindruckend oder besonders schön (wahrscheinlich weil ich vorher noch nie so richtige Berge gesehen hatte), aber wer etwas unvergesslich Schönes sehen will, dem empfehle ich, die Anden zu bereisen. Einen unvergesslichen Anblick, den ich immer in meinem Herzen tragen werde, sind die Berge bei Nacht mit tausenden von Lichtern, die man Kilometerweit erkennen kann.

Vor dem Austauschjahr habe ich zu mir gesagt: Maggie, in Venezuela musst du zwei Dinge lernen; Salsa tanzen und Gitarre spielen. Nach drei Monaten meldete ich mich mit meiner besten Freundin Therese (Austauschschülerin aus Dänemark) in einem Salsa-Casino Kurs an. Der Unterschied zwischen Salsa Casino und Salsa ist, das sich die Pärchen bei Salsa Casino in einem Kreis aufstellen, verschiedene Positionen üben und den Partner während des Tanzens ständig wechseln. Ich muss sagen, dass ich anfangs niemals von mir gedacht hätte, das ich jemals so gut tanzen könnte, wie ich es jetzt tue. Salsa zu tanzen wird einfach für immer eine meiner Leidenschaften bleiben. Das Lustige ist jedoch, dass es gar nicht so üblich ist, in Venezuela Salsa zu tanzen. So kam es dann, dass ich unter Anderem meinen besten venezolanischen Freundinnen versuchte, das Salsatanzen beizubringen.

Eine andere Sache, die für immer in meinem Herzen bleiben wird, ist die Lateinamerikanische Musik. Regueton, Merengue, Salsa, Bachata – All das sollte meiner Meinung nach in Deutschland eingeführt werden, weil man dazu einfach viel besser tanzen kann, was viele Deutsche jedoch nicht wissen, weil sie es noch nie gehört haben (so wie ich vor dem Austauschjahr).

Ein weiterer jedoch etwas enttäuschender Moment war die Weihnachtszeit für mich. Weihnachten ist nicht so wie in Deutschland der wichtigste Moment des Jahres, sondern war, so wie ich es erlebt habe, eher wie ein ganz normaler Feiertag. Plätzchen backen, Adventskalender öffnen, Adventskerzen anzünden, und mit viel Liebe und Sorgfalt Geschenke aussuchen – so ist Weihnachten in Deutschland. In Venezuela bereitet man den ganzen Monat lang eigentlich nicht so viel vor (außer einen riesigen kitschigen künstlichen Weihnachtsbaum mit viel geschmackloser Dekoration zu schmücken). An Heiligabend geht man nach einem kurzen Abendessen (zwar mit einigen typischen Leckereien, jedoch nicht zu vergleichen mit der deutschen Vielfalt an Essen), bei dem es auch nicht so wichtig ist, ob alle Familienmitglieder dabei sind, in die Kirche. Nach dem Kirchengang werden die Geschenke geöffnet, und dann kommt der schönste Teil: es wird gefeiert. Und zwar nicht mit der Familie, sondern mit Freunden. Ich persönlich habe den Heiligabend mit meinen besten Freunden in aller Ruhe verbracht. Viele Venezolaner gehen am 24. aber auch in die Disko, andere machen eine große Familienfeier zu Hause. Das kommt immer ganz auf die Familie an.

Apropos Familie. Jede zweite Ehe in Venezuela ist geschieden. Viele der Eltern meiner Freunde waren geschieden, auch meine Gasteltern waren geschieden. In der typischen venezolanischen Familie gelten die Eltern als striktes Familienoberhaupt. Die Kinder (auch die Jugendlichen) müssen für alles was sie tun, um Permiso (Erlaubnis) fragen. Das hört sich sehr hart an, aber für meine Freunde war das völlig normal. Wenn ich zwei Tage hintereinander etwas mit einer meiner Freundinnen was unternommen habe, und wir uns am dritten Tag uns auch nochmal treffen wollten, so meinte sie, ohne vorher die Eltern gefragt zu haben, dass es besser wäre wenn wir uns nicht treffen würden, weil das ja nicht gehen würde, drei Tage hintereinander aus dem Haus zu gehen. Diese Einstellung war und ist auch immer noch für mich sehr unverständlich. Mit der Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt, es zu akzeptieren. Aber nicht alle Familien sind so. Die Familien von denen ich gerade schrieb, waren meistens die, die ihr Kind niemals für ein Jahr in ein anderes Land schicken würden.

In fast allen unserer Gastfamilien war das jedoch anders. Da sie ihre Kinder in ein fremdes Land geschickt hatten, und uns dafür aufnahmen, war ihre Einstellung sehr anders. Wir Austauschschüler hatten sehr viele Freiheiten. Natürlich gab es Regeln wie bei mir zum Beispiel die „Du-musst-am-Wochenende-um-halb-drei-zu-hause-sein-Regel“. Aber das ist normal. Regeln gehören zu einem Familiendasein dazu. Ich hatte natürlich auch viele Freunde, die genauso viele Freiheiten wie ich hatten (sogar noch mehr), die gar nichts mit dem Austausch zu tun hatten. In dem Austauschjahr habe ich vor allem gelernt, nicht so viel zu verallgemeinern. Man kann nicht sagen: Alle sind so und so. Jeder ist eben anders.

In vielen venezolanischen Familien ist es auch der Normalfall, dass die Kinder, auch wenn sie schon über 18 Jahre alt sind, nicht arbeiten müssen und auch während des Studiums noch zu Hause leben.

Einen Paragraph widme ich einfach nur den Menschen Venezuelas. Nach diesem Austauschjahr kann ich nur sagen, dass die Menschen der Hammer sind. Überall wird man mit offenen Armen empfangen, alle sind so interessiert an einem, obwohl sie selber nicht viel wissen über andere Länder und Sitten und sie allgemein auch nicht so an anderen Kulturen interessiert sind. Wenn man dann merkt, dass sie aber was von einem gelernt haben, ist das besonders schön. Egal wo man hingeht, überall ist man als „Europäer“ mit heller Haut und hellen Haaren, der Mittelpunkt. Auch die Umgangsweise unter den Venezolanern ist einfach nur schön. Oft saß ich neben jemandem im Auto, der nicht wusste wohin, und dann nach der Straße fragen musste. Das ging dann so: „Hey Alter, kannst du mir mal sagen wo ich die Quinta Avenida finde?“ – „Na, klar, Schwuler (marico, wird in Venezuela für alles und jeden benutzt), hier rechts.“ -„Ahh, alles klar, Kumpel, ich weiß Bescheid.“ Und so redet man dann mit Leuten, die man gar nicht kennt. Ich liebe Latinos.

Nach meiner Ankunft in Venezuela hatte ich noch 3 Wochen Ferien bevor die Schule begann. Das Schwerste war es jedoch, erst einmal eine Schule zu finden. Man muss wissen, dass es in den meisten großen Städten in Venezuela sehr viele kleine Schulen gibt. Fast alle Schulen haben nicht mehr als 500 Schüler. Obwohl es in San Cristóbal wirklich sehr viele Schulen gibt, gibt es für viele Kinder trotzdem Probleme, einen Schulplatz zu bekommen. Das Problem ist, dass die Lehrer nicht gut genug bezahlt werden und es somit nicht viele Lehrer gibt. Um neue Schulplätze zu beschaffen, müsste es also mehr Lehrer geben, dazu fehlt jedoch das Geld.

Es gibt zwei Arten von Schulen, zum einen die privaten „Colegios“ und zum anderen die öffentlichen „Liceos“. 80 % Aller Schulen in San Cristóbal sind Colegios. Die Liceos, die für Kinder von Familien mit nur wenig Geld bestimmt sind, werden auch fast ausschließlich von Kindern besucht, deren Familien es sich nicht leisten können, ihr Kind auf eine private Schule zu schicken. Man muss wissen dass es hier in Venezuela (und Südamerika allgemein) eine sehr starke Grenze zwischen Arm und Reich gibt. Die reichen Menschen geben sich nur sehr selten mit den Ärmeren ab. Deswegen werden die Liceos von den reichen Menschen sehr verpönt.

Nachdem ich nach langer Suche endlich eine Schule, natürlich ein „Colegio“ (ein „Liceo“ wäre für meine Gastmutter niemals in Frage gekommen), gefunden hatte, war ich sehr aufgeregt, den Schulalltag zu beginnen. Wie in Deutschland beginnt die Schule in Venezuela für die Kinder mit 6 Jahren. Von 6 bis 11 Jahren besuchen sie die Grundschule. Von 12 bis 16 Jahren besuchen sie die weiterführende Schule, die jedoch nicht wie in Deutschland unterteilt wird. Im Alter von 16 Jahren machen sie ihren Abschluss, und werden auf die Universität geschickt. Kaum einer in Venezuela entscheidet sich für eine Ausbildung, da eine Ausbildung hier eher ein „Ich arbeite sechs Monate im Geschäft meiner Eltern und übernehme den Laden dann“-Ding ist. Lieber haben es die Eltern, wenn ihr 16 jähriges Kind ein Studium wie Ingenieurwesen Physik wählt, ohne wirklich zu wissen, was es ist. Oft habe ich meine Schulfreunde sagen hören „und mein Vater hat mich auch für Kommunikations– und für Sportwissenschaften eingetragen…aber das will ich doch gar nicht!“. Die Tatsache dass man überhaupt studiert stellt die Frage, was man überhaupt studieren möchte, völlig in den Hintergrund.

Aber zurück zu meinem Schulalltag. Wie alle Austauschschüler wurde ich für das Quinto Año, das Abschlussjahr eingetragen. An meinem ersten Schultag war ich wirklich sehr aufgeregt, da ich kaum spanisch gesprochen habe und mich in der für mich so ungewohnten Schuluniform nicht gerade wohl gefühlt habe. Alle meine Ängste waren aber umsonst, denn gleich am ersten Tag in der Schule fiel mir die Offenheit und das Interesse aller Mitschüler sehr positiv auf.

Was ich jedoch nicht wusste, war, dass ich das einzige Mädchen in meiner Klasse war (mit 10 Jungen!). Da die Schule wirklich sehr klein war, war ich also das älteste Mädchen auf der ganzen Schule und habe mich auch so gefühlt. Nach drei Monaten hielt ich es nicht mehr unter den Jungen aus und wechselte auf ein anderes Colegio, auf dem es mir unter 58 Mitschülern in meiner Klasse sehr viel besser erging.

In fast jeder Schule formatieren sich alle Schüler morgens um „7“ Uhr (es heißt „7″, oft wird es aber auch mal 7.15 Uhr oder 7.25 Uhr) auf dem Schulhof und müssen die Nationalhymne singen. Da sie dies jeden Tag machen müssen, klingt es dementsprechend gelangweilt und unmotiviert. Auf die Idee, dass die Schüler der Hymne vielleicht ein bisschen mehr Respekt zeigen würden, wenn sie diese nur einmal pro Woche singen müssten, kommt natürlich keiner der Lehrer.

Eine Schulstunde dauert hier so um die 60 bis 80 Minuten (so genau weiß das hier keiner, weder Schüler noch Lehrer). Auch ein offizieller Stundenplan wird nicht ausgeteilt (es existiert zwar einer, doch so genau nimmt den keiner)…der Fakt dass meine Klasse einmal drei Wochen keinen Spanischunterricht mehr hatte, und mir keiner einen Grund dafür nennen konnte, spricht für sich alleine.

Ein ganzer Tag pro Woche wird übrigens genutzt für das Fach „Instrucción Premilitar“, indem den Schülern von einem echten Militärmenschen in Uniform und Springerstiefeln „Stillgestanden“ und „Marsch“ beigebracht wird. Dieses Unterrichtsfach wurde von dem sehr unbeliebten Präsidenten Hugo Chávez eingeführt. Insgesamt gibt es für eine Schulwoche drei Schuluniformen, die aber von Schule zu Schule anders aussehen. Eine für den normalen Schultag, eine für „Instrucción Premilitar“ und die Dritte für den Sportunterricht.

Zum Niveau der Schule kann ich nur eines sagen: Hier habe ich gelernt, das deutsche Schulsystem, auch wenn es noch lange nicht perfekt ist und es vielleicht auch viel bessere Schulsysteme gibt, zu schätzen. Das Grundproblem der venezolanischen Schulen liegt darin, dass den Lehrern im Studium keinerlei pädagogische Fähigkeiten oder Lehrmethoden beigebracht werden. Deswegen schaut mehrmals am Tag der Schuldirektor in den Klassenraum, wenn es zu laut wird, weil die Lehrer es nicht hin bekommen die Schüler ruhig zu halten. Das wunderte mich schon sehr, denn ich sah den Schuldirektor den ganzen Tag in der Schule herumlaufend und für Ruhe sorgend. Sehr oft hab ich mich gefragt, ob das die einzige Aufgabe eines venezolanischen Schuldirektors ist.

Das Grundprinzip des venezolanischen Schulunterrichts sieht so aus: Der Lehrer diktiert einen Text aus einem Lehrbuch, während die Schüler entscheiden ob sie mitschreiben oder doch lieber wie wild im Klassenraum herumlaufen und schreien. Außerdem gibt es auch noch die berühmten „Exposiciones“, was so viel wie Vortrag bedeutet. Dazu findet sich eine Gruppe von 3 bis 5 Schülern nachmittags zusammen, kopiert einen schlecht geschriebenen Text aus dem Internet, überträgt ihn inklusive vieler Rechtschreibfehler (die jedoch Keinem auffallen) auf einen zerknitterten großen weißen Papierbogen…und….den wichtigsten Teil hätte ich fast vergessen…schmückt ihn mit vielen liebevoll ausgeschnittenen Blümchen, Gräsern, Häusern, Kühen, etc. . Sehr oft habe ich mich gefragt was ein Mathematik Referat über die Zahl PI mit pinken Herzchen zu tun hat…

Worüber ich im Unterricht auch nur schmunzeln kann, ist das Verhalten während Klausuren. Von den Mitschülern abzuschreiben ist Standard, und auch, dass der Lehrer die ganze Zeit wie wild über irgendetwas Unwichtiges redet, und von der immer geöffneten Tür Schreie der kleineren Kinder in den unteren Stufen in den Klassenraum dringen, scheint für die Schüler normal zu sein.

Der Endhalbjahresvortrag im Englischunterricht bestand darin, in Gruppen ein englisches Lied auszusuchen, und es zu „gestalten“ (in Form von einem rieeesigen Papierbogen mit zum Lied passenden Bildern, gebastelten Holzhäuschen etc.). War dies getan, wurde das Lied von den jeweiligen Schülergruppen vor der Klasse vorgespielt. Die Schüler standen ganz verlegen vor dem Hintergrund ihres selbst gestalteten rieeesigen Papierbogens und mussten das englische Lied dann mit viel Gekicher singen.

Dafür, dass sie dann stundenlang zu Hause wie wild gebastelt haben, und das Lied dann in einem unverständlichem Englisch (von dem sie selbst kein Word verstanden haben) gesungen haben, gab es dann natürlich wie immer stolze 18 von 20 Punkten (und so etwas im zweiten Halbjahr der 11. Klasse). So kommt es, dass fast jeder Schüler richtig gut in der Schule ist! Eigentlich kann man den Schülern, für diese ganze venezolanische Schulsituations-Katastrophe keine Schuld geben. Von klein auf wird ihnen der chaotische Schulalltag, wo keiner weiß, was als nächstes kommt, beigebracht. Grundprinzipien einer Schule wie Disziplin, Respekt, Ehrgeiz und Organisation fehlen.

Oft wurde mir gesagt, das alles besser war, bevor der jetzige Präsident Hugo Chávez vor 10 Jahren an die Macht kam. Viele sagten mir, dass es damals nicht so viel Müll auf der Straße gab, dass die Menschen gebildet waren, dass es fast keine Armut gab. Mir tun die Menschen Leid, die nach so vielen Jahren immer noch ihren „großen Helden“ Chávez wählen (ich schätze, dass 98% seiner Wähler arm sind). Es ist ein ständiger Kampf zwischen Arm und Reich in Venezuela. 50% gegen 50%, wobei die Armen fast immer gewinnen, weil es auch in Venezuela wie in so vielen solcher Länder so ist, dass die Armut den Reichtum übertrumpft.

Ich persönlich finde es wirklich sehr traurig, dass Hugo Chávez das Land so ruiniert hat und es einfach kein Ende nimmt, weil er es im Laufe der Jahre so weit gebracht hat, dass Korruption und Betrug zum Alltag gehören. Damit Hugo Chávez an Wählern gewinnt, gibt er ihnen Geld. Ein schockierender Fakt, der für mich jedoch verständlicher wurde, als ich mal raus aus dem schönen und reichen San Cristóbal kam, und ein bisschen mehr von Venezuela zu sehen bekam. Die Karibikinsel Margarita, die zu Venezuela gehört, scheint auf den ersten Blick wirklich wunderschön. Wenn man jedoch ins Landesinnere fährt und sich (wie wir) mit einem Leihwagen in einem sehr armen Dorf verliert, bekommt man es mit der Angst zu tun. Das, was ich da gesehen habe, war wirklich Armut. Wir fuhren durch die Straßen, so gegen 11 Uhr morgens (eigentlich arbeitet der Großteil der Menschen zu dieser Zeit). Was wir sahen waren, zugemüllte Straßen, Familien am Straßenrand, Männer die ihre Stühle ebenfalls am Straßenrand positioniert hatten und jeden beobachten, der vorbei fuhr. An jedem Haus sieht man den Wahlspruch des Präsidenten Chávez: Si! Uh! Ah! Chavez no se va! (Ja, Chavez geht nicht!) Das hat mir zu verstehen gegeben, dass die Menschen wirklich nichts haben, und, dass die einzige Hoffnung, die sie haben, Chávez ist, der ihnen zwar Versprechungen gibt, die er teilweise auch erfüllt (Bau öffentlicher Schulen, Sportplätze, usw.), doch ihnen nicht hilft, aus der Armut herauszukommen. Und da Chávez Partei, die PSUV, fast die einzige Partei ist, von der man in den Medien hört (weil Chávez die Werbung anderer Parteien verbietet), ist das auch die einzige Partei, die sie wählen.

Der Kampf zwischen der Gobernation (die „SI“-Partei, deren Großteil der Anhänger in den kleinen armen Dörfern wohnen) und der Opposition (die „NO“-Partei, die gegen Chávez ist, und deren Anhänger hauptsächlich aus Reichen Bürgern und jungen Studenten und Schülern besteht) geht immer weiter, und ich persönlich habe mir gesagt: Ich möchte nach Venezuela zurück, ein Jahr nachdem Chávez abgewählt worden ist. 1 Jahr danach, damit ich die Veränderungen sehen kann, die der neue Präsident hoffentlich mit sich bringen wird.

Durch die „Zerstörung“ Venezuelas durch Chávez, hat sich die Kriminalität in Venezuela in den letzten Jahr drastisch erhöht. Kriminalität gehört zum Alltag. Einmal erzählte mir eine Freundin dass die Oma ihres Freundes entführt worden wäre. Während ich geschockt zuhörte, schien das jedoch für die Venezolaner gar nicht so eine große Sache zu sein. In der Stadt sah man oft Schilder hängen: Maria Fernandez, 17, vermisst. Auch, dass Häuser täglich ausgeraubt werden, gehört zum Alltag. Eine der Austauschschülerinnen hat dies sogar hautnah miterlebt. Eines Morgens, während sie noch schlief, und ihre Mutter und Schwester das Frühstück zubereiteten, klingelte es an der Tür. Die Mutter machte natürlich auf und wurde von 5 Männern mit Pistolen und Handgranaten überrannt, die dann die gesamte Familie mit Kabeln fesselten und das Haus leer räumten. Den Mann der zu dem Moment an dem Haus vorbei lief, und auf dem Weg zur Arbeit war, fesselten sie natürlich auch, damit der keine Polizei rufen konnte. Und nachdem sie mit der Ausräum-Aktion fertig waren, setzten sie sich in die Küche während die Familie noch gefesselt war, und frühstückten erstmal das, was die Mutter einige Minuten zuvor zubereitet hatte…Das machen nur venezolanische Kriminelle. Die Austauschschülerin, die das alles miterlebt hatte, musste drei Tage später zurück nach Norwegen fliegen, weil es zu gefährlich für sie war, in Venezuela zu bleiben. Traurige Fakten, die schockieren. Dabei ist Venezuela so ein wunderschönes, und vor allem reiches Land. Durch die Petroleum-Vorkommen, ist Venezuela sogar eins der reichsten Länder Südamerikas. Wenn man das Geld an den richtigen Stellen einsetzen würde, könnte Venezuela ein nahezu perfektes Land sein. Venezuela besitzt alles: Wüste, wunderschöner karibischen Strand, Berge, Wasserfälle, Urwald.

Während des Jahres bin ich viel gereist und konnte dadurch viel vom Land kennen lernen. Das macht natürlich umso mehr Spaß, wenn man die Sprache beherrscht und nicht als typischer Tourist reist, sondern mit den Einheimischen redet. Ich habe gemerkt, das man auf diese Weise auf eine ganz andere Art sieht, entdeckt und reist. Das ist eines der Dinge, die ich mitgenommen habe aus Venezuela: Die Dinge mit anderen Augen zu sehen.

Bevor ich nach Venezuela gegangen bin, dachte ich mir: Ach…du kommst dann ja total in die Nähe von Kolumbien, und San Cristóbal ist ja auch total abgeschieden von den anderen Städten. Naja, wie das wohl wird… Ich kann nur sagen, dass San Cristóbal das Beste war, was mir passieren konnte. Ein wichtiger Aspekt dabei ist unsere Gruppe, 10 Austauschschüler aus aller Welt (Neuseeland, Thailand, Dänemark, Norwegen, Island und Deutschland). Ich habe mit diesen 10 Menschen wirklich Freunde fürs Leben gefunden, was Besseres hätte mir nicht passieren können. Natürlich hat der Aspekt der „Integration“ unter Venezolanos ein bisschen darunter gelitten, aber das hab ich gerne in Kauf genommen. Ich habe obwohl ich sehr viel mit den anderen Austauschschülern unternommen habe, auch sehr viele venezolanische Freunde gefunden und die venezolanische Kultur auch so ohne Probleme sehr gut kennengelernt. Mein Spanisch hat darunter auch nicht gelitten, was wohl auch daran lag, dass wir Austauschschüler uns bemüht haben, unter uns auf Spanisch zu reden.

Ein anderer sehr interessanter Aspekt der für San Cristóbal spricht, ist die Nähe zu Kolumbien. Nach meinem Austauschjahr kann ich eigentlich sagen, dass ich ein Austauschjahr in Venezuela und wohl auch ein bisschen in Kolumbien verbracht hab. Durch die Nähe zu Kolumbien wurden die Menschen in San Cristóbal von vielen anderen Venezolanern auch abfällig „Columbianos“ (=Kolumbianer) genannt. Ich kann nur sagen, dass ich unheimlich glücklich bin, dass ich sogar die Chance hatte, nach Kolumbien zu reisen (unter anderem auch in die Hauptstadt, Bogotá) und ein Stück weit die kolumbianische Kultur kennen lernen durfte, was wohl auch daran lag, dass meine Gastfamilie aus Kolumbien kam.

Ein weiterer Höhepunkt war die Reise an den karibischen Strand mit meinen zwei Brüdern, deren Freunden und meiner besten Freundin Therese. In der Semana Santa (zu deutsch: Ostern), die in Venezuela wie eigentlich jeder andere Feiertag, ein Grund zum Feiern ist (wie der Name Feiertag schon sagt; in Deutschland sollte man das meiner Meinung nach auch wörtlich nehmen) verbrachten wir eine Woche lang in der Karibik, und ich muss sagen, dass ich vorher nicht wusste, wie beeindruckt man von einer Wasserfarbe sein kann. So ein blaues Wasser hab ich wirklich noch nie gesehen. Und abends wurde dann natürlich ausgiebig gefeiert.

Der Abschied war natürlich der traurigste Moment des ganzen Jahres. Man stelle sich vor: 9 Austauschschüler, samt ihrer Gastfamilien und Freunden an einem kleinen Flughafen. Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, wann man sich wieder sieht. Es ist ein Abschied auf lange Zeit.

Der Austausch hat mich geprägt, mir so viele neue Sichtweisen verliehen. Ich habe in diesem Jahr so viel gesehen, so viele schöne Erlebnisse gehabt. Ich habe mich verändert, sehe die Dinge mit ganz anderen Augen. Das Wichtigste an meinem Jahr in Venezuela war jedoch, dass ich nun ein neues zu Hause habe und Freunde fürs Leben auf der ganzen Welt. Ich bin unglaublich glücklich, die Chance gehabt zu haben, ein Jahr lang, völlig anders zu leben.